BNBWeb
Hebb wi nich - gifft dat nich

Aus dem Theatertagebuch von Helmut Schmidt, Autor diverser plattdeutscher Theaterstücke, über seinen Besuch auf Borkum zur Uraufführung von:

 

Borkum - "Hebb wi nich - gifft dat nich !"

  8. März 2002 !!!

Ich fahre nach Borkum. Eine ganz besondere Aufführung wartet hier auf mich - nämlich die Uraufführung des Stücks "Hebb wi nich - gifft dat nich", von der Niederdeutschen Bühne Borkum. Uraufführungen sind für Autoren immer das Allergrößte - denn es ist das erste Mal, dass die Protagonisten, die man sich vor einigen Monaten im Kopf erdacht hat, lebendig werden. Ich fahre aber mit der Katamaran ab Emden mit einem etwas mulmigen Gefühl nach Borkum. Nicht wegen des leichten Seegangs, sondern weil diese Komödie doch recht pikant ist. Es geht um Lustgewinnende Mittel, um "das erste Mal" und darum, dass eine ältere Frau einen Mann "vergewaltigen" wird. Ich denke: Sei später bei der Aufführung nicht so kritisch - die Gruppe wird das niemals so spielen, wie ich es in meinem Rollenbuch vorsehen habe - sie werden vieles entschärfen und verändern - denn ich darf nicht verlangen, dass Laienspieler so sehr aus sich herausgehen, dass sie solch dreiste Szenen zeigen. Und ich denke auch - vielleicht ist das auch ganz gut, wenn sie es weniger "sexistisch" zeigen, was wird denn auch das Publikum sagen ? Nun denn, dennoch freue ich mich und bin gegen 20 Uhr im Kursaal auf Borkum. Es erwartet mich ein wunderbarer Platz in der Mitte der zweiten Reihe. Dann um 20:15 Uhr geht es los. Die Ansage der Spielleiterin ist schon mal sehr schön und gekonnt. Laut genug für alle, deutlich, flott und witzig - das kann nur gut werden, denke ich. Und ich behalte recht mit meiner Vermutung. Auf einer sehr großen Bühne sehen wir ein wunderschön gestaltetes Bühnenbild - die Trinkhalle der Familie Eggers mit einem Durchgang zum Kiosk im Hintergrund. Sogar den Bühnenvorraum hat man hier intergriert im Bühnenbild und mit Plakaten, Schildern, Fahrrädern und einem Obst-und Gemüsestand dekoriert. Sehr professionell. Aber all das ist gar nichts gegen das, was ich in den nächsten 2,5 Stunden zu sehen bekomme. Das flotte Spiel der Geschwister Anne und Florian in der 1. Szene gefällt mir schon mal sehr gut. Unsere erste "komische Figur" im Stück Brigitte taucht auf und hat sofort durch ihre linkische Art die Sympathien der Zuschauer gewonnen - meine natürlich nicht weniger. Wunderbar gespielt - mit exakt dem richtigen Maß an "Paddeligkeit". Nicht zu wenig - nicht zu übertrieben - einfach genial - auch ihre Mimik. Und dann kommt er - WALDEMAR JUNGENKRÜGER - der verrückte Vertreter in meinem Stück. Ich habe mir beim Schreiben schon so in etwa vorgestellt, wie diese Person aussehen sollte - und dieses auch vage beschrieben - doch das was da hereinkommt, übertrifft alle meine Erwartungen - das ist unfassbar - ein Waldemar, wie er besser nicht sein könnte. Diese absolut völlig schrill-bunten Klamotten, dieser Zylinder - diese Schuhe - in pink - ich bin... man kann das gar nicht erklären als Autor - ich könnte schreien vor Glück. Dieser Mensch stellt meine erdachte Figur einfach 1000%tig da - eine Mischung aus Zauberer und Zirkusclown. Zu seinem perfekten Outfit trägt er einen Bart, der wie ein I-Tüpfelchen zu dieser Person und diese Rolle passt. Dabei weiß ich gar nicht, ob dieser Hayo Bootsmann (so heißt dieser Akteur) diesen auch "im wahren Leben" trägt, oder den extra für die Rolle hat wachsen lassen. Seine Begrüßung an die anwesenden Akteure wird nicht einfach gesprochen, sondern gesungen - wunderbar. --- Das Stück nimmt seinen Lauf und es kommt mit Waldemar´s verrückten Produkten langsam auf das eigentliche Thema - die Cola mit Lustgewinnendem Zusatz, der Frauen willig macht. Aber das Publikum ist nicht geschockt - nein, es akzeptiert dieses pikante Thema - lacht herzhaft. Das Ehepaar Eggers kommt hinzu, und auch diese beiden verkörpern ihre Rollen perfekt. Doch gespannt wie ein Flitzebogen bin ich natürlich auf den zweiten Akt und auf Anneliese Fröhlich. Denn dieser Urlauberin wird versehentlich nun die besagten Cola angeboten und hat nun in den nächsten 10 Minuten eigentlich den schwersten Part im ganzen Stück. Die Person tritt auf und ich schließe sie sofort ins Herz. Sie ist es - meine Anneliese. Aber wie wird sie nun das folgende Geschehen meistern ? Wie weit wird sie gehen ? Wann fällt der Vorhang und wieviel des vorgegebenen Textes werden wir hören und vor allem sehen ? --- ALLES !!! Nein, es ist ist alles und mehr. Diese Frau zeigt uns hier einen Soloauftritt wie er im Bilderbuch steht. Denn exakt, so wie ich es mir vorgestellt hatte, spielt sie auch diesen Part. Mehr und mehr wird ihr heißer durch die Cola, sie zieht mehr und mehr ihrer Kleidung aus, zeigt uns perfekte erotische Tanzeinlagen - und das alles in genau dem richtigen Mass. Diese Frau traut sich was. Und dann sehen wir den eigentlichen sexuellen Überfall auf Rolf. Diese Frau ist göttlich - und Rolf wehrt sich göttlich. Ich hätte - gerade bei dieser Szene - nun alles erwartet - aber eine solche Darbietung - nein - das war Fernsehreif ! Als ich dann später höre, dass diese Anneliese das allererste Mal auf der Bühne steht... na, dazu kann ich nun gar nichts mehr sagen. --- Nach der Pause sehen wir dann den 3. und letzten Akt. Wieder stimmt hier alles - es ist nicht eine Spur von Kritik zu üben - im Gegenteil - ich bin fast gerührt von dieser Gruppe und ihrem Spiel. Florian kommt in eine Zwickmühle und muß endlich die Wahrheit über die Cola berichten, Rolf und seine Frau haben sichtbar große Probleme mit ihren Gesichtern (ein großes Lob an die Maske an dieser Stelle), Brigitte´s verletztes Bein, ihr Sprachfehler, die Explosion der Kochtöpfe und ihr Aussehen danach, Annelieses Entschuldigung, Waldemar´s neue Produkte gegen alle Nebenwirkungen und - nicht zu vergessen, die unglaubliche perfekt gespielte Szene, als Anne gefesselt, wie ein Tier hereingeschleift wird - weil sie auf der Strasse mehrere Männer "vernascht" hat... (nun ja, bei fast einer ganzen Flasche JIW-Cola kein Wunder). - Sehr gewagt, Anne - meine Hochachtung ! - Fazit: Die Zuschauer toben und - ich glaub´ es nicht - es gibt STANDING OVATIONS - die Leute stehen auf - noch nie habe ich sowas erlebt. Ich muß schlucken. Und dabei hatte ich solche Bedenken, wie das Publikum dieses Stück wohl annehmen wird. Die Menschen im Kursaal sind begeistert. Kein Wunder - denn hier haben 7 Akteure Theater gezeigt, wie es besser nicht sein kann. Keine Texthänger, perfekte Mimik, keiner spielte sich in den Vordergrund - das hätte man live im Fernsehen übertragen können. Und ich ? Wie hat es mir gefallen ? - Nun ja - auf die Frage vieler Gruppen in meinem Theater-Tagebuch: "Was war für Dich von nun mehr als 400 Inszenierungen Deiner Werke Deines Erachtens die Beste, Helmut Schmidt ?" habe ich bisher geantwortet: Die Landjugend Nordhorn mit der Inszenering des Stücks "ERO-TI-KA" vom Januar  2000. Denn das war wirklich enorm super gespielt. Tja, tut mir leid, liebe Nordhorner. Nicht böse sein - aber die Borkumer haben Euch von der TOP 1 gestürzt seit gestern. Denn das was ich da gesehen habe ist wahrscheinlich nicht zu toppen und war für mich das absolte Highlight in meiner bisherigen Theatergeschichte. An dieser Stelle auch ein dickes dickes Lob an die Regie dieser Gruppe. --- Niederdeutsche Bühne Borkum - ich liebe Euch !!! (im Theatertechnischen Sinne natürlich...) :-)